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Musik verstehen

 

“Am Anfang war das Wort...“- (Joh.1.1); müsste es nicht vielmehr “Am Anfang war der Ton...“ - heissen? Die Wissenschaft fand heraus: im Universum schwingt tatsächlich dauernd ein Ton. Es ist folglich in diesem finsteren All nicht still. Es lebt ein Ton dort – da – überall, und als Tinitus erklingt wie dieser Ton im All dieses Lebendige in meinen Ohren. Ich höre das Leben in mir. Denn alles ist Schwingung, ist folglich auch Ton; als Schöpfung genial komponiert. Der Mensch sei es als Spekulant oder Musiker jongliert mit diesen Tönen und wenn er Glück hat gelingt dieses waghalsige Spiel -.

 

Mit meinem ersten Schrei bekräftigte ich meinen Einstand in der Welt in der ich gehört und anscheinend angenommen wurde. Später sassen Grossmama und ich oft einträchtig beisammen und bildeten wie eine verschwörerische Gemeinschaft, dabei sangen wir Schlaf- und Lumpenliedchen miteinander, die für mich wie der Inbegriff dafür sind.

 

Die Kindergartenlieder mit Gitarre - oder Klavierbegleitung, Glocken, Triangel usw. liebte ich heiss. Der Einbezug von Instrumenten bereicherte den gemeinschaftlichen Ausdruck des Mit- und Füreinander und oft auch dessen was ist (z.B. Jahreszeiten und Kuckuck) oder was man gerade tut (z.B. klingelingeling die Post ist da). Wie ich erfahren durfte, hilft bei der Ballettmusik auch das Bühnenbild, die Szenentitel und der Tanz die Musik zu verstehen. Die Opernmusik meist klar durch Handlung und Text lernte ich schon früh, oft mit mitsingenden italienischen Zuhörern im 3. Theaterrang, kennen und geniessen. Viele eiserne Vorhänge bereiteten wir enthusiastisch den Stars.

 

Selbständig einfache Melodien mit der Blockflöte nach Gehör oder Noten zu spielen war spassig und erfolgreich. Wie gerne wäre ich mit dem Klavierspiel eine kleine Beethovin geworden, doch meine beiden linken Hände wussten das leider gehörig zu verhindern. In den Schülerkonzerten wurden uns Sinfonien erklärt und näher gebracht, so dass ich mit grosser Freude seit 39 Jahren mit meinem Abonnement die Konzerte in Basel besuche. Im Konzertsaal offenbarte sich mir das grosse Orchester als wundersames farbenprächtiges Instrument, in dessen Musik ich schwelgen und mich verlieren konnte. Im geheimen hätte ich gerne mitgespielt oder dirigiert. Unzählige Musikstücke von Barock bis zur Moderne sowie der leichten Muse lernte ich kennen und schloss sie in mein Herz. Sie sprachen meine innerste Sprache, die ich selbst nicht so perfekt und schön zu äussern vermochte. Sie lassen mich auch heute noch in eine bunte Bilderwelt eintauchen, vermitteln mir eine Vielfalt von Gefühlen, Regungen, vielleicht sogar Worten, die ich nicht missen möchte. Und endlich fand ich das Orchester, das mich als einfache amateurhafte Musikerin aufnahm, mich mitspielen lässt: die Stadtmusik. Schiller schrieb: spielen heisst leben.

 

Lief ich von der Schule nach Hause hörte ich täglich schon von Weitem meine Mutter jodeln. Jodeln war Teil ihres Temperaments und Frohnatur. So drückt Jodeln für mich wohl immer wonnige Lebensfreude aus. Dann beim Abwasch sangen wir immer 2-stimmig, damit pochten unsere Herzen im Gleichklang. Gemeinsam ein Wegstück gehen, ein Ziel verfolgen, gemeinsam musizieren erfüllt ein gefühlsmässiges Grundbedürfnis. Dabei wird meist jedes musikalische Thema, jede Melodie und Gegenmelodie, Begleitung, Untermalung etc. grundsätzlich eingeübt und so das Musikstück einem nach und nach vertrauter und gewinnt oft auch an innerer Schönheit, die sich zu Beginn kaum offenbarte.

 

Meist hatte ich bei den Erwachsenen schweigend still zu sitzen und zuzuhören. Doch obwohl ich mir grosse Mühe gab zu gehorchen, verstand ich nicht immer alles. Was ich zu sagen hatte, war wohl nicht gefragt, zu wenig interessant. Singend und musizierend konnte ich mich endlich ausdrücken, mein Innerstes offenbaren und wurde angehört. Aber eben auch da z.T. nicht verstanden.

 

Die Musik der Oper Wozzek von Alban Berg erlebte ich damals als mir unverständlich, weshalb sie mir auch nicht sonderlich gefiel. Es gibt da eine Szene in meinem Gedächtnis: Wozzek, der mit dem Leben nicht zurecht kommt, sitzt in einem Baum und offenbart seine Liebe in merkwürdigen Tönen und Tonfolgen, welche mich ein schauerliches Verkehrschaos, wie eine Vorahnung zukünftiger Verkehrssituationen, empfinden liessen. Ob die anderen Zuhörer diese mir fremden Melodien ebenso verstanden, ob der Komponist die Liebe oder die Unzulänglichkeit Wozzeks vertonte?

 

Wie ein echter Sturm können uns gewisse Töne, auch Musik verletzen, ohne dass wir sie besser verstehen. Wie der unermüdlich dröhnende Tinitus in meinen Ohren mich zermürbt und stört. Der Ausdruck verschiedenster sich wechselnder sogar steigernder Disharmonien, die sich zwar meist schlussendlich doch noch in wohlklingender Harmonie auflösen, ist nicht jedermanns Geschmack, ist doch der Mensch bestrebt in seiner Freizeit wenigstens die im Alltag so sehr vermisste Harmonie zu erhalten. Aber jegliche Kunst ist Ausdruck der ganzen lebendigen Wahrheit.

 

Wie kommt es, dass wir uns gedrängt fühlen, verstehen zu müssen, was wir hören. Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Wieso Musik verstehen?

 

Indem wir verstehen was wir hören, manifestiert sich das Gehörte in uns, ansonsten bleibt es abstrakt. Immer wird es uns ein Bedürfnis sein zu verstehen; die Kunst und ihren Ausdruck auf die Erde zu holen, in ihr und mit ihr aufzugehen, uns mitzuteilen und miteinander dies alles zu teilen. Was man verstehen kann, auf was man stehen kann, darauf kann man bauen, das gibt Vertrauen und Vertrauen ist eine beruhigende Kraft, ist Balsam für die Seele. 

 

Wir Menschen haben das Bedürfnis uns mitzuteilen, uns Gehör zu verschaffen, obwohl unsere Botschaften nicht unbedingt bedeutsam scheinen, jedoch oft tief aus unserem Inneren aufsteigen und ganze innere Welten eröffnen, die zugleich auch äussere Welten sind oder spiegeln. Darum spricht uns Musik auch oft tief innen an, erweckt in uns die mannigfaltigsten Gefühle und löst Resonanz aus: beispielsweise stehen all unsere Körperhaare zu Berge und/oder angenehme Schauer überziehen unseren ganzen Körper, obwohl wir vielleicht nichts verstehen aber ganzheitlich berührt sind. Leider besitzen wir nicht unbedingt die schöpferische Gabe die Mitmenschen in den Bann zu ziehen wie die Genies der Malerei, Dichtung und Musik. Musik kann Poesie sein, ein Gemälde eine Sinfonie.

 

Deshalb war, ist und bleibt Musik eine riesige Bereicherung für mich und mein Leben; sie ist Nahrung für meine Seele. Vieles was ich in Worten nicht auszudrücken imstande bin, lässt sie wunderbar erklingen. Und alle ringsherum die zuhören, können mit mir gemeinsam daran teilhaben.

 

Doch ebenso wie wir Menschen uns gegenseitig nicht immer verstehen oder mögen, so wird uns die Musik nicht immer dasselbe sagen. Alle Urteile und Verständlichkeiten sind persönlich. Die Musik lebt und ist erlebbar, egal ob wir sie verstehen, Hauptsache wir hören oder fühlen, wie die tauben Menschen, ihre energetischen Schwingungen. Es ist nicht nötig sie zu verstehen, auf sie zu stehen, denn sie ist imstande uns zu tragen!

 

Das Jahreskonzert der Stadtmusik Brugg am 25.Januar 2003 um 20.15 Uhr in der reformierten Stadtkirche Brugg wird Balsam fürs Gemüt und froh und heiter stimmen. Bestimmt werden sich alle Gäste dieses Mal angesprochen fühlen, die Musik mit ihren herrlichen Melodien verstehen und dadurch vielleicht auch besser begreifen, warum wir Amateure immer wieder mit grossem erforderlichem Einsatz üben und üben, uns unserer grandiosen Direktion unterwerfen, die tief berührt von der Musik uns mit grosser Sorgfalt und Musikverständnis aber auch mit Zuckerbrot und Peitsche zum guten Gelingen anspornt.

 

Sicher knurrt als Einziger nach dem gemütvollen Konzert nur der Magen. Da wir sein Bedürfnis gut verstehen und auch auf ihn hören, feiern wir anschliessend gerne mit unseren Gästen im Salzhaus und beschliessen bei Speis und Trank den Abend mit geselligem Beisammensein, denn wie die Musik verbindet eben auch gemeinsam essen und trinken.

 

Persönliche Gedanken von YGL

 

Konzertausschnitt Gemeinschaftskonzert 2009

Nicolai Rimsky-Korsakow: Russische Ostern

Ouvertüre für Orchester op.36

Für 20 Jahre Aktivmitgliedschaft Stadtmusik Brugg